ventureworks blog

29th Juli 2012

Featuritis



by maxdiez

Es ist eine furchtbare Krankheit, die sich früher oder später in jedem Tech-Startup ausbreitet. Die Folgen: Zu hoher Kapitalbedarf, unbrauchbare Benutzeroberflächen, unnötige Funktionen. Im schlimmsten Fall führt sie zum Tod des Unternehmens.

Die Rede ist von Featuritis. Damit meinen wir den Drang eines Startups, so viele Funktionen wie möglich in ihr Produkt zu packen – mit dem Ziel, möglichst jedem Kundenproblem eine Lösung entgegenzustellen. Dies mündet in überfrachteten Benutzeroberflächen, in denen die Benutzer ultimativ den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Dabei hat ein Startup – allerspätestens seit Eric Ries‘ Lean Startup (übrigens eine sehr empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich mit Startups auseinandersetzen oder selbst gründen wollen) – überhaupt gar nichts mit eierlegenden Wollmilchsäuen zu tun.



Weder zu viel noch zu wenig: Die richtige Menge Features sorgt für glückliche Kunden. (Quelle:
http://headrush.typepad.com/creating_passionate_users/2005/06/featuritis_vs_t.html)

Die Ansteckung

Wir beobachten diese „Krankheit“ in mindestens 2/3 unserer Startups. Meist kommt zu Beginn ein potenzieller Unternehmer zu uns mit einer zentralen Idee, um die herum er sich in den letzten Wochen oder gar Monaten bereits ein ganzes „Universum von Funktionen“ ausgedacht hat. Das ist prinzipiell auch gut, zeigt es doch Erweiterungs- und Anpassungsfähigkeit einer Idee und demonstriert auch, dass sich der Gründer in spe bereits intensiv mit seinem Geistesblitz auseinandergesetzt hat.

Die Inkubationszeit

Weniger gut ist es jedoch, wenn der Unternehmer nicht einsehen möchte, dass am Beginn der Umsetzung einer Idee ein „Minimum Viable Product“ (MVP) steht. Damit meinen wir eine erste Version eines Produkts, die genau den Kernnutzen für den Kunden abdeckt – nicht mehr, nicht weniger. Einen solchen MVP kann man dann in die freie Wildbahn entlassen und schauen, ob bzw. wie die ersten Kunden anbeissen, also auf einen „Proof of Concept“ hinarbeiten. Zu den Vorteilen des MVP gehört, dass sich das wirtschaftliche Risiko in Grenzen hält (im Vergleich zur Umsetzung des gesamten „Funktions-Universums“), und, dass die Kunden sofort erkennen können, um was es geht, und welchen Nutzen ihnen das Produkt bietet (falls das MVP diese Voraussetzung nicht erfüllt, ist es kein MVP).

Der Ausbruch

Manchmal lässt sich Featuritis jedoch nicht verhindern. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn der Anspruch darin liegt, ganzheitliche Lösungen für Unternehmen oder Behörden anzubieten, mit denen diese ihre Arbeitsprozesse effizienter abwickeln können (ein Beispiel hierfür ist Cultoria mit ihren Produkte). Dort ist es nicht damit getan, „kurz mal einen Prozess im Internet abzubilden und für alle Anspruchsgruppen zu öffnen“, sondern man muss zahlreiche Arbeitsschritte intelligent durchdacht elektronisch anbieten, damit sich der Kunde für eine solche Plattform, die relativ grosse Einstiegsbarrieren aufweist, überhaupt erst einmal interessiert.

Solche Projekte sind durch diese „alles oder nichts“-Prämisse nochmals deutlich risikobehafteter als das Durchschnittsstartup, das mit einem schlanken Funktionsumfang starten kann und dann nach und nach die von den Kunden gewünschten Funktionen nachschieben kann, wie wir es beispielsweise derzeit bei unserem neuesten Projekt Linksert umzusetzen versuchen.

Die Immunen

Und dann gibt es noch die „Champions“, diejenigen, die es immer wieder schaffen, Produkte so weit zuzuspitzen und um den Kunden herum entwickeln, dass sie nicht einmal in die Nähe einer Featuritis kommen. Zu diesen Unternehmen zählen insbesondere Google und Apple. Aus Sicht der Benutzerfreundlichkeit kann sich wohl jedes Startup an diesen beiden Unternehmen orientieren. Dass sich diese Art der Produktgestaltung auch wirtschaftlich auszahlt, ist offensichtlich.

Wer mehr darüber erfahren möchte, wie man Produkte so gestaltet, dass sie trotz eines gewissen Funktionsumfangs gut beim Kunden ankommen, dem sei noch das Standardwerk „Don’t Make Me Think“ von Steve Krug ans Herz gelegt.

Featuritis: Champions und Loser. (Quelle: http://www.flickr.com/photos/58638411@N00/6216468181/)

Die Heilung

Zunächst einmal die gute Nachricht: Featuritis vergeht, von einigen seltenen Fällen abgesehen, von selbst wieder.

Hierzu braucht es einerseits Zeit. Zeit, in der der Gründer einsieht, dass es sinnfrei ist, von Beginn an alles umsetzen zu wollen. Zeit, in der oft zahlreiche schmerzhafte Entscheidungen fallen müssen, welche der bis ins letzte Detail konzipierten Funktionen bis zum nächsten Release aufgeschoben werden. Die Erkenntnis dauert oft länger, als man denkt, vor allem, wenn man mit Leidenschaft an der eigenen Idee hängt.

Andererseits braucht es beschränkte Ressourcen. Spätestens, wenn das Startkapital CHF 50‘000 beträgt, eine Komplettumsetzung aber CHF 500‘000 kosten würde, dürfte es auch für den letzten Gründer klar werden, dass er umdenken muss. Ab dann wird es heissen: MVP, MVP, MVP.